Das Erste, was ich an diesem Sonntag tat, war das Wetter für die lange Flugetappe von Petropavlovsk nach Anadyr zu prüfen und einen Blick auf die Emails zu werfen. Ich sass mit meinem Laptop in der Empfangshalle auf einem Holzstuhl. Vielen Leuten begegnete ich nicht auf dem Flur, es war auch erst 0730 Uhr (local Time). Ich kontrollierte die Wind und Wettervoraussagen. Gegenwind wirkt sich enorm auf die Flugdauer der Strecke aus. Es gibt auch keine näheren Alternativ- Flugplätze zu Anadyr. Auch das Wetter muss beim Zielflugplatz perfekt sein. Ursprünglich plante ich die Flugroute via Magadan, da ich dadurch einen kürzeren Flug von Magadan nach Anadyr hätte. Diese Route wählte ich jetzt als Alternative.

Um punkt 0800 Uhr begab ich mich in das Restaurant gleich neben dem Empfang. Eine Serviceangestellte bereitete das Frühstück zu. Es gab Rührei, Vollkorn-Toast, Weißbrot, Milchreis, Tomaten, Müesli, Orangen- und Apfelsaft. Im Hintergrund lief leise russische Musik. Ich war froh, um eine warme Mahlzeit an diesem Morgen, denn es war noch sehr frisch und etwas kühl. Nachdem ich meinen Hunger gestillt hatte, ging ich ins Hotelzimmer zurück und holte das praktische, zusammenklappbare Elsener Velo hervor. Mit dem gesponserten Velo hatte ich schon einige Dollar Taxi-Kosten eingespart. Wann immer es geht, benütze ich das leichte ,robuste Fahrrad. Die D3200 Nikon Kamera musste auch mit. Sie wurde mir ebenfalls auf die Reise mitgegeben. Ich war gut ausgerüstet! Heute wollte ich das Zentrum von Petropavlovsk entdecken.

Ich radelte los. Es war leicht neblig, bei angenehmen 20 Grad Celsius. Ich trug ein T-Shirt, einen Pullover und eine lange Hose. Die Einheimischen spazierten in kurzärmligen T-Shirts und kurzen Short herum.Die Fahrbahnen hier sind in einem sehr schlechten Zustand. Ich fuhr auf dem Trottoir einer Strasse an mehreren Mehrfamilienhäusern vorbei. Die Wohnhäuser hatten keine Fassade. Nackte Mauern. Stellenweise waren Ausbesserungen oder Abdichtungen mit Beton zu sehen. Es sah etwas verwahrlost, verlottert aus. Zwischen den Wohnblocks hingen lange Wäscheleinen an denen Kleidungsstücke zum Trocknen aufgehängt waren. Von einer Strassenkarte von Petropavlovsk in meinem Hotel wusste ich etwa die Richtung des Zentrums der Stadt. Ich bog nach links ab und kam auf eine Hauptstrasse. Es war eine doppelspurige Fahrbahn. Rechts und links lagen Einkaufszentren, Velogeschäfte, Metzgereien und Blumenläden. An einem Flohmark hielt ich an, um mir die Produkte näher anzusehen. Da gab es Gemüse , Lebensmittel Toilettenartikel.. einfach alles. Ich fuhr weiter und gelangte an eine grosse Kirche mit vergoldeten Zwiebeltürmen. Gerüste standen an der Fassade. Nach einer kurzen Besichtigung radelte ich weiter.

Die Strasse führte bergab. Das Fahrrad rollte immer schneller. Alle 50 Meter sprang das Velo über einen Graben oder über sonstige Unebenheiten. Immer wieder wurde ich von Jeeps und alten Bussen überholt. Sie wirbelten so viel Staub auf, dass ich wiederholt anhalten musste, um mir den Staub aus den Augen zu wischen. Ich fuhr weiter und gelangte ans Meer. Im Hafen sah ich alte Schiffe. Die interessierten mich. Ich stieg von meinem Elsener Velo und schob es neben mir über den holprigen Weg. Da standen dutzende riesige ,rostige Kräne neben noch rostigeren heruntergekommenen Schiffen. Ich begegnete zwei Russen. Ich sprach sie an und sie führten mich auf ihr nahegelegenes Fischerboot. Mit Zeichensprache gaben sie mir zu verstehen, dass ich mich frei auf dem Schiff bewegen durfte. Ich machte viele Fotos. Der Kahn verfügte über drei Stockwerke. Als ich auf dem Kapitändeck angekommen war, fragte ich mich, wie der Kapitän das Schiff steuerte? Die Scheiben waren zerbrochen und extrem schmutzig. Ich versuchte mir vorzustellen, wie das Schiff heftigen Stürmen auf wilder See wohl widerstehen konnte. Allgemein herrschte auf dem Boot eine grosse Unordnung. Alles lag herum, Werkzeuge, alte Kissen, Kleidungsstücke und vieles mehr. Zum Schiffsmotor gelangte man über eine Leiter. Es roch nach Öl und ich konnte einen eisernen schweren Motor erkennen. Oben auf dem Deck lagen unzählige Seile herum. Ich warf einen Blick ins trübe Wasser auf der anderen Seite des Schiffes und sah dort Quallen an der Oberfläche schwimmen. Ich verabschiedete mich von den beiden Russen und machten mich wieder auf, das Zentrum von Petropavlovsk zu suchen.

Ich radelte den Hauptstrassen entlang, fuhr auf kleine Hügel und wieder runter, aber ein Stadtzentrum war weit und breit nicht zu sehen. Schliesslich begegnete ich einem etwa 20-jährigen Einheimischen. Mit einer Anwendung auf seinem Mobil konnten wir Texte von Englisch auf Russisch übersetzen und uns so verständigen. Mit der Zeit fand ich heraus, dass ich bereits am Stadtzentrum vorbei gefahren war. Sascha, so hieß der Russe, war zu Fuss unterwegs. Wir liefen zur nächsten Bushaltestelle. Dort trafen wir zwei weitere Kollegen von Sascha. Mit den beiden konnte ich mich ein wenig auf Englisch verständigen. Wir entschieden, gemeinsam mit dem Bus zum Zentrum zu fahren. Wir verständigten uns mit Hilfe von Englischbrocken und Zeichensprache. Endlich kam der Bus herangebraust. Umgerechnet etwa fünfzig Rappen kostete mich die Fahrt. Ich konnte das Elsener Velo fast zur Grösse eines kleinen Rucksackes zusammenfalten. Es benötigt sehr wenig Platz und ist äußerst handlich. Nach 20 Minuten stiegen wir aus und ich bemerkte, dass zweihundert Meter weiter der Hafen mit den rostigen Fischerbooten lag. Da also war das Stadtzentrum. Hatte ich mir anders vorgestellt. Meine drei neuen russischen Freunde erzählten mir etwas über die Geschichte der Stadt und die wichtigen Führungspersönlichkeiten. Wir liefen der Küste entlang zu einem nahegelegenen steinigen Strand. Da standen viele Fischer mit ihren Fischerruten und versuchten ihr Glück. Das Wasser war kalt. Überall lagen leere Bierflaschen, Zigarettenstummel und andere Abfälle. Ich sah unzählige Seesterne, welche von den Wellen herangespült wurden. Wir warfen mit Schiefersteinen und wetteiferten, wer am meisten Aufschläge auf der Meeresoberfläche erreichte.

Es war immer noch neblig. Bald würde sich die Sonne verabschieden. Ich beschloss, ins Hotel zurück zu fahren, um mich für die morgige längste Flugetappe auszuruhen. Es war mir bewusst, dass der morgige Flug nicht nur die Reichweite der HB-RTW herausforderte, sondern auch von mir die höchste Konzentration abverlangte. Ich hatte entschieden direkt nach Anadyr zu fliegen, ohne den Umweg über Magadan. Herzliche Grüsse – Carlo.