Heute vor zwei Jahren am 25. August 2010 starb meine Mutter Carla Schmid an Krebs. Sie ist nur 45 Jahre alt geworden. Das war der grösste Verlust in meinem Leben. Ich vermisse sie jeden Tag und während meinen Flügen um die Welt denke ich sehr oft an sie.

Ein kurzer Blick zurück…

Die Schulglocke läutete. Die Pause war vorbei, wir mussten zurück ins Schulzimmer . Mathestunde in der ersten Primarschule. Wir drängten uns durch die Schulzimmertür.“ Brillenschlange !„zischte ein Junge verächtlich und versuchte mich auf die Seite zu schieben. Es störte mich, dass ich eine Brille tragen musste, aber noch mehr störte mich, dass ich von einigen Mitschülern deswegen gehänselt wurde. Zum Glück hatte ich auch gute Freunde in der Klasse , denen es egal war, was ich auf der Nase trug. Wir mussten uns im Halbkreis um die Wandtafel auf den Boden setzten. Unsere Lehrerin stellte eine Aufgabe: 3 plus 4 plus 5 minus 2 und der Schüler, der zuerst die Lösung sagte, durfte auf seinen Platz zurück. Ich hasste diese Übung, obwohl ich Mathematik eigentlich mochte.

Meiner Lehrerin schien das Rechenspiel zu gefallen. Fast jeden zweiten Tag übten wir uns im Schnellrechnen auf diese Weise. Auch an diesem Tag. Ich hörte die Rechnungen, aber die Ergebnisse wollten mir einfach nicht einfallen. Ein Schüler nach dem andern kehrte an seinen Platz zurück. Am Schluss sass da nur noch eine Nase mit einer Brille drauf und ich spürte einen dicken Knoten in der Kehle. Das war nicht das erste Mal, dass mir das passierte. Ich kehrte mit hängendem Kopf zu meinem Stuhl zurück und kämpfte mit den Tränen. Nach der Mathematikstunde lief ich nach Haus. Ich schämte mich. Ich hatte aufgegeben.

Meine Mutter sah mich mit fragenden Augen an. „Ist die Schule schon aus ?“ fragte sie mich. Ich erzählte ihr, was passiert war. Sie lief in Küche und telefonierte meiner Lehrerin. Als sie zurückkam, sagte sie zu mir : „Wie möchtest du verhindern, nicht mehr der Letzte zu sein, wenn du einfach nach Hause läufst?! Carlo – viele Leute geben auf in ihrem Leben, so wie du gerade! – Da kommst du aber nicht weiter! Wenn du nicht mehr der Letzte bei dieser Matheübung sein möchtest, musst du daran arbeiten!“. An diesem Tag lösten wir bis um Mitternacht mündliche Matheaufgaben. Am nächsten Morgen weckte mich meine Mutter eine ganze Stunde früher als sonst und fragte mich erneut Rechenaufgaben ab. Ich versuchte mich dagegen zu sträuben, aber meine Mutter blieb beharrlich. Bald wurde es mir zu bunt und ich wollte nicht mehr mit ihr üben. Am Nachmittag kam eine Freundin meiner Mutter zum Kaffee und nach der Schule fragte sie mich Matheaufgaben ab! Lustlos und missmutig löste ich die Aufgaben. Aber das Training und das intensive Üben hatten Folgen. Bald merkte ich, dass mir die Lösungen schneller einfielen. Das gefiel mir und plötzlich verlangte ich nach weiteren mündlichen Aufgaben. Wieder einmal wurden wir in der Mathestunde nach vorne gerufen. Diesmal war ich gespannt. Ich setzte mich gleich neben die Lehrerin. Noch bevor sie den Satz mit ihrer ersten Rechenaufgabe beendet hatte, brüllte ich lauthals die Lösung durch das ganze Zimmer. Zwar meinte die Lehrerin, ich sollte nicht so schreien, aber ich konnte als Erster zu meiner Bank zurück. Ich war überglücklich. Das mühsame und intensive Üben hatte sich gelohnt. Ich war meiner Mutter dankbar und hatte etwas für die Zukunft gelernt.

Als meine Mutter starb , hatte ich das Gefühl, nichts mehr zu haben, ausser einer Vision. Einmal rund um die Welt zu fliegen. Ich hatte keine Sponsoren , niemanden, welcher mir diese Reise einfach so finanzieren konnte. Ich wusste auch nicht, mit welchem Flugzeug ich rund um die Welt fliegen würde. Ich pausierte mein Förderprogramm auf der Bank, setzte alles auf eine Karte und schlug einen Weg ein, von welchem ich nicht wusste, wo er mich hinführen würde. Ich brannte nur darauf, unsere Erde zu umfliegen. Es war längst mehr als nur ein Wunsch.

Anfänglich musste ich viele Rückschläge hinnehmen. Ängste und Zweifel plagten mich. Durch harte Arbeit, durch den Glauben an mich selbst und die Unterstützung aus dem Umfeld ergab sich das Projekt RTW2012. Das RTW-Team brachte das Projekt ins Rollen und an die Öffentlichkeit. Durch den Support von vielen Helfern, Sponsoren und Partnern wurde das Vorhaben schließlich realisiert.

Heute bin ich in Denver. Mehr als die Hälfte meines Traumes ist Wirklichkeit geworden. Ich habe in den letzten Wochen und Monaten viel erlebt und bin dafür sehr dankbar. Ich werde versuchen, den Weltrekord zu erreichen und bin auf dem besten Weg dazu. Meine Reise widme ich meiner Mutter Carla. Ohne ihre Unterstützung hätte ich es nie soweit geschafft .

Ich habe aber noch einen Traum, den Traum den Kindern, denen es nicht so gut geht, etwas abzugeben. Ich möchte mit unserer Sammelaktion www.myskymile.com. für UNICEF soviel als möglich zusammenbringen, um so im Sinne meiner Mutter etwas Gutes zu bewirken.

„Vielleicht werde ich scheitern, aber ich werde nicht aufgeben“ – Carlo Schmid.