Längste Flugetappe von Petropavlovsk nach Anadyr!
In den letzten Tagen hatte sich in meinem Innern eine wachsende Anspannung auf den bevorstehenden Flug aufgebaut. Er würde sehr anspruchsvoll werden. Am Morgen trank ich einen doppelten Kaffee und verdrückte mehrere Schnitten Brot mit gekochten Eiern. Hoch motiviert und gut gelaunt packte ich mein Gepäck und fuhr mit dem blauen Hotel-Shuttelbus zum Flughafen. Ich war der einzige Passagier im Bus. Als ich ausstieg, nieselte es leicht. Es war immer noch neblig. Am kleinen Terminal begegnete mir auch schon der Flughafen-Handling-Agent, welcher mich durch die Kontrollen zum Flugzeug begleitete. Den Flieger hatte ich bereits voll aufgetankt. Ich führte einen sehr gründlichen Aussencheck durch, überprüfte alle Benzintanks auf Wasserbestand und lief aufmerksam um das Flugzeug. Ich durfte nichts übersehen. Ein kleiner Mangel konnte über Leben und Tod entscheiden. Nach dem Rundgang setzte ich mich ins Flugzeug, verabschiedete mich und rollte zur Piste. Dort bekam ich vom Tower die Anweisung auf der Piste aufzulinieren und zu warten. Ich konnte es mir nicht verkneifen, die Vogelscheuchen zu fotografieren. Kurze Zeit später bekam ich die Meldung clear for takeoff, hotel-bravo-romeo-tango-whisky. Ich schob den Leistungshebel nach vorne und beschleunigte die Cessna. Anfänglich spürte ich noch den heftigen Aufschlag der Räder in den Rillen der Pistenplatten. Doch mit der Beschleunigung und dem dazugehörenden grösseren Auftrieb nahmen die Schläge nach und nach ab. Bald verschluckte mich der Nebel und ich hatte keinen Bodenkontakt mehr.

Ich flog nun nur noch nach Instrumenten. Aufgrund meiner Berechnungen hatte ich am Anfang der Flugetappe einen schwachen Gegenwind, welcher sich etwa in der Mitte der Strecke drehen würde. Der Rückenwind würde mich dann schneller zum Ziel Anadyr bringt. Alle paar Minuten machte ich meine Berechnungen. Ich musste den aktuellen Wind, den zurückliegenden und den voraussichtlichen Benzinverbrauch bzw. die Benzinreserven, die Zeit, die Geschwindigkeit und die Strecke bis zu meinem PSR berücksichtigen. PSR heisst „point of safe return“. Mit anderen Worten kann ich bis zu diesem Punkt fliegen, um anschliessend sicher, mit 45 Minuten Zeitreserve, zu meinem Startflugplatz zurückzukehren. Nach diesem Zeitpunkt muss ich mich zur Landung auf dem Zielflugplatz verpflichten. Unter mir lag die Halbinsel Kamtaschka mit ihren zahlreichen aktiven Vulkanen. Die Insel liegt zwischen dem Ochotskischen Meer und dem Beringmeer. Da gibt es heisse Quellen, tosende Wasserfälle ,unwegsame Wälder, hauptsächlich unbesiedelte, wilde Naturlandschaften. Bären, Wölfe, Elche und andere Pelztiere tummeln sich hier. Ein malerischer Flecken Erde aber kein guter Ort für eine Notlandung! Bei jedem Flug mache ich mir Gedanken, was zu tun ist, wenn der Motor abstellt, und ich notlanden müsste.

Am Anfang des Fluges hatte ich mehr Gegenwind als ich erwartet hatte. Dadurch verlängerte sich die ganze Flugetappe um knapp 30 Minuten. Gegen Ende drehte sich die Windrichtung und ich hatte über 20 Knoten Rückenwind.Während der ganzen Flugzeit war ich sehr konzentriert. Der Flug fand zum grössten Teil im Dunst statt. Nur gegen Schluss lockerten sich die Wolken auf und ich konnte das Meer sehen. Der Controller am Flugfunk führte mich direkt in den Endanflug der Flugpiste von Anadyr. Jetzt kam der Wind aus allen Richtungen. Von einer Sekunde zur anderen änderte sich die Windstärke, sowie die Richtung, von vorne nach hinten und von links nach rechts. Mit genügend Geschwindigkeit landete ich den Flieger kontrolliert auf der Mittellinie der Piste. Sofort schob ich den Leistungshebel auf Rückwerkschub um dem kräftigen Wind keine Chance zu geben. Unterstützend bremste ich mit dem Hauptfahrwerk. Dann drehte ich die HB-RTW auf der Piste und rollte zu meinem zugewiesenen Standpunkt. Danach folgte das übliche Procedere. Das notwendige Gepäck herausnehmen, Flieger abdecken und sichern sowie das Bordbuch auf die Minute genau nachtragen.

Kurze Zeit später begrüßte mich eine etwas rundliche Dame. Ich musste ein bisschen schmunzeln, als sie sich auf russisch mit dem Namen „Olga“ vorstellte. Der Name passte zu ihr. Genau so stellte ich mir eine sympathische, russische Olga vor.Olga hatte die Aufgabe, mich durch die Sicherheitsschleusen zu begleiten. Sie erklärte mir auch, dass die Stadt Anadyr mit einem kleinen russischen Boot erreichbar war. Es fährt alle drei Stunden. Zu dumm, dass es gerade vor zehn Minuten abgefahren war und ich nun über zweieinhalb Stunden warten musste. Zum Hafen wollte ich mit dem Elsener Velo fahren. Ich schwang mich gleich auf das Fahrrad und radelte los. Hier war es merklich kälter als in Petropavlovsk . Ich fröstelte trotz meinem dicken Pullover und der Jacke. Der Weg zum Hafen führte zuerst über Asphalt. Das war angenehm. Auf der rechten Seite meiner Fahrtrichtung standen alte Straßenlaternen. Der Strom für das Licht wurde mit Hilfe einer dicken Leitung von einem Lampenkopf zum andern übertragen. Ich atmete tief durch und konnte die frische Meeresluft riechen. Der Wind kam auch hier aus allen Richtungen, nur war das auf dem Fahrrad viel weniger kritisch als in der Luft. Ich wiederholte im Kopf nochmals Olgas Wegbeschreibung. Zuerst alles gerade aus bis zu dem weissen Auto dort und dann links. Nach der Abzweigung folgte ein Kiesweg. Immer wieder musste ich vom Fahrrad absteigen, um die Tasche auf dem Gepäcksträger besser zu positionieren. Manchmal rauschte auch ein Auto vorbei und wirbelte den ganzen Staub von der Strasse auf. Der Wind trug ihn aber schnell wieder weg. Am Steg genoss ich die unendliche Weite des Meeres . Auch die Stadt Anadyr konnte ich erkennen.

Endlich war es so weit. Das Schiff legte an und viele einheimische Russen stiegen aus. Auf dem russischen Schiff gab es drei Sitzmöglichkeiten. Entweder ganz unten im Rumpf des Bootes, in der Kabine oder ausserhalb auf dem Deck. Während der Fahrt blies mir ein kalter Fahrtwind ins Gesicht. Meine Hände verschränkte ich tief in der Jacke und fragte mich, wie Anadyr wohl aussehen mochte. Bisher hatte ich nur einige Bilder von Eskimos gesehen. Die Fahrt dauerte rund 40 Minuten. Dann legten wir an. Hier wehte ein noch stärkeren Wind und liess das Schiff ständig an die Stegsmauer knallen. Für die Passagiere und mich mit Fahrrad war es eine kleine Herausforderung heil und unversehrt auszusteigen. Mit dem Velo fuhr ich nun ein ganzes Stück bergauf. Ich fragte einige Passanten auf offener Strasse nach dem Hotel. Schliesslich kam ich da an. Es war das günstigste im ganzen Ort. Ich logierte in einem kleinen Zimmer mit Einzelbett. Auf der Etage gab es eine Sammeldusche und ein Lavabo. Glücklich und müde liess ich mich auf das Bett fallen und ruhte mich aus. Noch wusste ich nicht, dass mich hier ein nicht eingeplanter längerer Aufenthalt ohne Internet erwartete.

Die veränderte Flugetappe von Petropavlovsk nach Anadyr haben Ueli Meier mit 10 Meilen, Artec Media Productions Monika & Martin Allemann-Muff mit 10 Meilen, Manuela Cesarini mit 3 Meilen, Berno Ullings mit 10 Meilen, Hans Huber mit 10 Meilen, Monika Schläpfer mit 10 Meilen über www.myskymile.com unterstützt.

Vielen herzlichen Dank

Paka (Bye/Tschüss)
Carlo